Der gelesene Himmel, Teil 1: Babylon und die Anfänge
Wer heute ins Horoskop schaut, will wissen, wie die Woche wird. Im alten Mesopotamien wäre diese Frage ins Leere gegangen. Der Himmel gehörte dort nicht dem Einzelnen, er gehörte dem Staat. Eine Mondfinsternis betraf den König, die Ernte, das ganze Land. Ob ein Bäcker in Babylon Glück in der Liebe hatte, beantworteten die Himmelsomen nicht.
Die Astrologie beginnt also anders, als man denkt. Nicht mit Charakter und Sternzeichen, sondern mit Politik. Und mit dem Deuten von Zeichen aller Art. Wir wissen davon, weil Ton hält. Die Gelehrten schrieben in Keilschrift auf Tafeln, und ein Teil davon hat die Jahrtausende überstanden.
Erst die Leber, dann der Himmel
Die Menschen im Zweistromland suchten überall nach Hinweisen der Götter. Die ältesten ausführlichen Texte dieser Wahrsagekunst sind 32 Tafeln mit beschrifteten Lebermodellen aus der Zeit um 1875 v. Chr. Darauf steht, was ein bestimmter Befund bedeutet, immer nach demselben Muster: Wenn die Leber so aussieht, dann geschieht das. Dasselbe Wenn-dann-Schema findet sich später in den Himmelsomen wieder.
[Einschub-Kasten] Kurz erklärt: So ist ein Vorzeichen gebaut. Jedes Omen hat zwei Hälften, die Beobachtung („Wenn der Mond …“) und die Folge („… dann …“). Die Fachsprache nennt den Wenn-Teil Protasis und den Dann-Teil Apodosis.
Am Anfang standen vermutlich schlichte Beobachtungen. Auf eine Mondfinsternis folgte der Tod eines Königs, und man merkte es sich. Die Forschung nimmt an, dass solche Erfahrungen bis ins späte dritte Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. Die schriftlichen Belege sind allerdings deutlich jünger und stammen überwiegend aus neuassyrischer Zeit, also aus dem ersten Jahrtausend v. Chr. Wie alt die Praxis wirklich ist, lässt sich deshalb nicht sauber sagen.
Siebentausend Vorzeichen
Die große Sammlung heißt Enūma Anu Enlil, ein Titel, der sich aus den einleitenden Worten des Textes ableitet und ungefähr bedeutet: „Als die Götter Anu und Enlil“ – ein Verweis auf die mythologische Ordnung, in der die Himmelsgötter den Lauf der Gestirne festlegten. Je nach überlieferter Fassung und Textzeugnis umfasst die Sammlung 68 oder 70 Tafeln, auf denen sich bis zu 7.000 einzelne Vorzeichen finden lassen, das entspricht im Durchschnitt etwa hundert Omen pro Tafel, wobei die Länge und Dichte der einzelnen Tafeln durchaus variieren konnte. Ihre heute bekannte, weitgehend kanonisierte Form erhielt die Sammlung vermutlich erst in der Kassitenzeit, also in einem Zeitraum zwischen 1595 und 1157 v. Chr., als babylonische Gelehrte älteres Material systematisch ordneten und zu einem zusammenhängenden Werk zusammenfügten. Inhaltlich lässt sich die Sammlung grob in zwei große Themenblöcke gliedern: Die ersten rund 50 Tafeln widmen sich ausführlich den Phänomenen des Mondes, der Sonne sowie verschiedenen Wettererscheinungen und ihren Deutungen, während die übrigen, kleineren Tafeln sich mit der Beobachtung der Planeten und der Fixsterne beschäftigen und deren Erscheinen, Verschwinden sowie Bewegungen am Himmel als Vorzeichen interpretieren.
Ein häufig zitiertes Beispiel klingt fast niedlich:
„Ist der Mond am ersten Tag des Monats zu sehen, wird das Land fröhlich sein.“
Vorzeichen aus Enūma Anu Enlil, sinngemäß übertragen
Viele andere Einträge sind weniger freundlich und kündigen Hunger, Aufstand oder Flut an. Auf Tafel 20, einer der Finsternistafeln, sind die Vorzeichen nach Monaten geordnet: Je nach Monat galt eine andere Voraussage. Sogar die Himmelsrichtung zählte: Je nachdem, an welcher Seite sich die Scheibe verdunkelte, war ein anderes Reich gemeint.
Die Venus-Tafel
Eine Tafel fällt aus dem Rahmen: die Nummer 63. Sie verzeichnet über rund 21 Jahre, wann die Venus zum ersten Mal wieder am Himmel auftauchte und wann sie verschwand. Die Beobachtungen werden in die Zeit von König Ammisaduqa im 17. Jahrhundert v. Chr. gelegt und gelten als früheste bekannte Aufzeichnung von Planetenbeobachtungen. Tafeln der Serie wurden unter anderem in Ninive gefunden, gegenüber dem heutigen Mossul am Tigris, in der Bibliothek des Königs Assurbanipal.
Hinter den Deutungen steckte echtes Handwerk. Die Babylonier erstellten Sternkataloge sowie Tabellen zu Finsternissen und Planetenbewegungen und benutzten ein Zahlensystem zur Basis 60, das in unseren Zeit- und Winkelangaben bis heute nachwirkt. Die Fixsterne ordneten sie drei Gruppen zu, benannt nach den Göttern Anu, Enlil und Ea; entscheidend war, wo ein Stern am Osthorizont aufging. Beobachten, Rechnen und Deuten gehörten zusammen, und das Ganze war eng an Ackerbau und Jahreszeiten gebunden.
Die Sammlung war die wichtigste Quelle für die Vorzeichen in den regelmäßigen Berichten, die Gelehrte an den Hof schickten. Wie nüchtern das ablief, zeigt ein Bericht an den assyrischen König Asarhaddon über die Mondfinsternis vom 18. Januar 672 v. Chr. Der Gelehrte bietet an, als Ersatz für den König mitten in der Nacht einen Deich zu durchstechen. Das Vorzeichen musste sich irgendwo erfüllen, nur nicht am Herrscher. In anderen Fällen setzte man sogar einen Ersatzkönig ein.
Wie alt ist die Astrologie?
Persönliche Horoskope tauchen erst viel später auf. Das älteste erhaltene aus Mesopotamien betrifft eine Geburt im Jahr 410 v. Chr. und wurde auf einer Tontafel festgehalten, die Himmelsbeobachtungen mit der Geburt einer bestimmten Person verknüpft. Zwischen dem Ende der Kassitenzeit, in der die Omenserie wohl ihre bekannte Form bekam, und diesem Horoskop liegen rund 750 Jahre – ein Zeitraum, der mehrere Dynastien, kulturelle Umbrüche und politische Neuordnungen umfasst.
Wer fragt, wie alt die Astrologie ist, bekommt deshalb mehrere Antworten, je nachdem, welche Form der Himmelsdeutung man betrachtet. Das Deuten des Himmels ist sehr alt, wahrscheinlich älter als die erhaltenen Texte, denn mündliche Überlieferungen und einfache Beobachtungen von Mond- und Sternphasen dürften den schriftlichen Aufzeichnungen vorausgegangen sein. Damals ging es jedoch vor allem um kollektive Omen, etwa um Vorzeichen für König und Staat, nicht um das Schicksal Einzelner. Das persönliche Geburtshoroskop dagegen ist vergleichsweise jung und stellt eine späte Weiterentwicklung dieser älteren Tradition dar. Es taucht auf, als Babylon längst zu einem fremden Großreich gehörte, nämlich in einer Zeit, in der persische und später hellenistische Einflüsse die mesopotamische Kultur bereits durchdrungen hatten und neue Vorstellungen vom individuellen Schicksal des Menschen entstanden.
In der frühen Zeit erinnert das Ganze eher an ein Frühwarnsystem: Gelehrte beobachteten, rechneten und meldeten, und der König entschied, was er mit der Meldung anfing. Der einzelne Mensch kam darin kaum vor. Eine Sternkunde, die dem Hof diente, hatte wenig mit dem zu tun, was heute am Kiosk verkauft wird.
Wie aus der Auskunft für den Herrscher eine Auskunft für jedermann wurde, ist eine andere Geschichte. Sie führt nach Ägypten und Griechenland, und dort geht es im zweiten Teil weiter.